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lunaSteam / Chris Haderer / excerpts

Letzte Hoffnung Westbahnhoffnung (2016)


Die Westbahnhoffnung sorgt für soziales Gleichgewicht in Villach. Das Lebenshilfe-Projekt kümmert sich um Menschen, die es für das offizielle Villach nicht gibt.

Erstausstrahlung: 30. 1. 2017 bei Radio Augustin/Radio Orange 94.0.

westbahnHOFFNUNG (Video, 2016)


Ein Film über die Westbahnhoffnung - Tabea Lebenshilfe in Villach. Im Gespräch: Marjan Kac, Leiter der Westbahnhoffnung. Ein Film von Chris Haderer. Mit: Marjan Kac, Alfred Woschitz, Viktoria Steiner, Georg Eisner, Martin Schinagl.
Villach, Juli/Oktober 1016

 

letzte hoffnung WESTBAHNHOFFNUNG - live (2016)


letzte hoffnung WESTBAHNHOFFNUNG
(bockerer-live-version)

feat.
Babsi Winkler
(Gesang, Gitarre)
Gernot Schwanter (Percussion)

Uraufführung im Rahmen einer Benefizlesung von "Der Bockerer" zugunsten Tabea Lebenshilfe Westbahnhofhoffung Villach am 14. 12. 2016 am Westbahnhof Villach, veranstaltet von Welt&Co/Kulturverein, Wien.

Originalversion: "Letzte Hoffnung" von Roland Kovacs, enthalten auf der CD "Winterreise 13-24"; mit freundlicher Genehmigung.

Idee: Alfred Woschitz
Aufnahme & Gestaltung: Chris Haderer / www.lunaSteam.com

 

Stadt ohne Armut (2017)


Die Westbahnhoffnung sorgt für soziales Gleichgewicht in Villach. Das Lebenshilfe-Projekt kümmert sich um Menschen, die es für das offizielle Villach nicht gibt. Von Chris Haderer

Armut gibt es in Villach nicht und auch keine Obdachlosigkeit. Es gibt beim AMS zwar  auch so gut wie keine Jobs, aber das ist ein Detail, das in Villach oft aus den Augen gerät. Schwer haben es in einer Stadt ohne Armut nicht nur eine Handvoll Roma, die ständig unter dem Generalverdacht stehen, die Touristen der Drau-Stadt zu vertreiben. Schwer haben es auch Asylwerber und Einheimische. Obwohl es diese Menschen offiziell nicht gibt sind sie nicht unsichtbar. Viele von ihnen lassen sich täglich am Villacher Westbahnhof anschauen, bei der Westbahnhoffnung Tabea Lebenshilfe. Zu Mittag ist dort Hochbetrieb: an „Spitzentagen“ kommen bis zu 70 Menschen zum Essen in die Bahnhofshalle. Wer Hunger hat kann kommen, ohne Ausweiskontrolle, Meldezettel oder Einkommensnachweis: er bekommt einen Teller und ein Glas hingestellt und ist willkommen. Villach, oder Beljak, wie die Statutarstadt auf Slowenisch heißt, hat knapp 61.000 Einwohner – was ein spannendes Verhältnis zu den über „10.000 kostenlosen Essen ergibt, die wir im ersten Halbjahr 2016 ausgegeben haben“, sagt Marjan Kac, der die Westbahnhoffnung im Jahr 2000 zusammen mit einem Freund gegründet hat. Marjan stammt ursprünglich aus Slowenien und ist im Zuge des Balkankriegs „in Österreich hängen geblieben“, erinnert er sich an die Anfänge der Westbahnhoffnung: „Wir wollten der Stadt Villach einfach etwas anbieten, für obdachlose Menschen, die sozial schwach sind oder sonstige Probleme haben.“

Essen & Kleidung

Begonnen hat es mit kostenlosen Menüs für Bedürftige; über die Jahre sind dann eine Kleiderausgabe hinzugekommen, zwei Mal pro Woche eine Lebensmittelausgabe sowie kostenlose Sprachkurse für Asylwerber und Migranten, Malkurse für Kinder und ähnliches – praktische Lebenshilfe und Unterstützung für Menschen die abgestürzt sind. Tabea, der Träger, ist „eigentlich ein kirchlicher Verein aber im Endeffekt ist die Westbahnhoffnung überkonfessionell. Wir wollten das praktisch umsetzen woran wir glauben: nämlich Menschen denen es nicht gut geht helfen, ohne irgendwelche Bedingungen.“ Wir – das sind etwa 60 ehrenamtliche Mitarbeiter. Im Jahr 2015 wurde die Westbahnhoffnung dafür mit dem Kärntner Menschenrechtspreis ausgezeichnet, der mit 10.000 Euro dotiert war. „Unsere laufenden Kosten belaufen sich auf 9000 Euro pro Monat“, sagt Marjan Kac. Die Hilfe vom Staat ist minimal: 4.000 Euro schießt die Stadt Villach zu und 2.500 Euro das Land Kärnten – allerdings pro Jahr und nicht monatlich. „Es ist daher immer wieder schwer, das nötige Geld aufzutreiben.“

Nur noch Güterverkehr

Seit dem Jahr 2007 ist der Villacher Westbahnhof die Basis von Marjan Kac. „Ich habe eigentlich immer schon gehofft, dass wir in den leerstehenden Westbahnhof kommen. Eine damalige Mitarbeiterin hat dann einfach an den Werner Faymann geschrieben, der damals Infrastrukturminister war, und der hat das dann ermöglicht.“ Der Westbahnhof ist der einzige Jugendstilbahnhof in Kärnten – und genaugenommen ist es kein Bahnhof mehr. Die unter Denkmalschutz stehende Bahnhofshalle, in der früher Fahrkarten verkauft wurden, und die Nebenräume wurden nach der Jahrtausendwende stillgelegt. Züge halten jetzt an neuen, hundert Meter westlich angelegten Bahnsteigen. Viele Züge sind es ohnehin nicht, die hier halten, vorwiegend Schnellbahnen Richtung Hermagor, Rosenthal und Hauptbahnhof. Für ständigen Hintergrundlärm sorgen allerdings die Güterzüge, die in kurzen Abständen die Verschub-Gleisanlage neben dem Gebäude befahren. Irgendwann gewöhnt man sich mehr oder weniger an das Geräusch. Es hat etwas von Aufbruch, Bewegung.

Schlafplatz am Bahnsteig

Laut den Zahlen der Statistik Austria gab es im Jahr 2014 in ganz Kärnten insgesamt 19 so genannte „Wohnungslose“, die auch als solche gemeldet waren. Zur Realität stehen diese Zahlen ein wenig im Widerspruch, und Marjan Kac sieht sehr wohl einen Bedarf an Notschlafstellen. „Zweieinhalb Jahre lang konnten Menschen in der Westbahnhoffnung auch schlafen“, sagt Marjan. „In strengen Wintern hatten wir bis zu 35 Personen hier. Das ist uns dann allerdings von offizieller Seite verboten worden. Man hat uns damit gedroht den Mietvertrag zu kündigen. Das war ein richtiger  Tiefschlag für mich, denn bis dahin haben sämtliche Einrichtungen von Villach auf uns zurückgegriffen: Polizei, Arbeiterkammer, Krankenhaus, Jugendamt haben immer wieder angerufen, ob sie Leute vorbeischicken können. Aber für das offizielle Villach gibt es diese Leute eben nicht.“ Wer kein Quartier hat, muss die Nacht jetzt am Bahnsteig verbringen, das ist gerade noch erlaubt. Letzten Sommer waren es etwa 15 Obdachlosenmeldungen pro Monat, die von der Westbahnhoffnung gemacht wurden, damit die Betroffenen nicht aus dem Sozialsystem fallen – wenn sie schon nicht gesehen werden. „Ich stellte mir schon als Kind die Frage, warum Obdachlosigkeit in Villach kein Thema ist“, wundert sich auch Georg Reitz, der sich in seinem Film „Vergessen ist nicht vergangen“ (2015) mit dem Thema auseinandersetzt: „Alles ist so idyllisch…. Es gibt aber in Villach inoffiziell ca. 60 Obdachlose.“

Soziale Konkurrenz

„Die Politik sieht uns leider als Parallelstruktur zu anderen Einrichtungen, was wir aber überhaupt nicht sind“, sagt Marjan. Dass „es in Villach keine Obdachlosen mehr gäbe, sei in erster Linie der ARGE SOZIAL und ihrem hervorragenden Betreuungsprogramm zu verdanken“, zitiert das Online-Portal fenstergucker.com den 2015 abgetretenen Villacher Bürgermeister Helmut Manzenreiter (SPÖ). Das Lob ist von der Wirklichkeit eingeholt worden: mittlerweile gibt es in der Stadt ohne Armut auch eine Notschlafstelle für Jugendliche. Und bei der ARGE SOZIAL (ein 1988 gegründeter Verein) sind die Klienten im Jahr 2015 von 550 auf mehr als 700 gestiegen. „Meiner Ansicht nach gibt es in Villach drei Gruppen von Menschen, für die die Stadt etwas tun sollte“, sagt Marjan. „Da sind einmal die kurzzeitig Obdachlosen, die beispielsweise ohne Wohnung dastehen, weil sie von der Frau hinausgeworfen wurden. Die kann man auffangen und die haben auch meistens nach einem Monat wieder eine Wohnung.“ Dann gäbe es Menschen mit massiven Suchtproblemen, für die man nach dem Vorbild des Vinci-Dorfes in Graz etwas tun könne: dort ist der Alkoholkonsum erlaubt. „Dadurch bleiben die Leute dann auch in den Wohnungen“, sagt Marjan. In der Westbahnhoffnung ist Alkohol hingegen nicht erlaubt. „Extrem schwer haben es in Villach auch einige Roma aus der Slowakei, die regelmäßig in Villach betteln und die auch ein Recht auf einen warmen Schlafplatz im Winter haben. Denn es ist sicher nicht so, dass die Stadt von Heerscharen an Bettlern und Obdachlosen bedroht wird. Das sind einfach Menschen die Hilfe brauchen.“

Mittagessen am Bahnhof

Rechts von mir löffelt ein Mann mit Bart, so um die 30, seine Suppe. Bevor der Boden des Tellers zu sehen ist wird er böse, weil sein Nachbar etwas über Krebs gesagt hat, offenbar etwas Falsches, und er droht mit Schlägen. Die Entschuldigung seines Kollegen nimmt er nicht zur Kenntnis, sondern spuckt weiter Geifer ins Essen. Zum Rauchen geht er dann alleine auf den ehemaligen Bahnsteig hinaus, niemand will ihn begleiten und er kommt auch nicht wieder. Sein Abgang hat etwas dramatisches, weil draußen wieder ein Güterzug vorbeidonnert und es klingt, als würde gerade ein Gewitter ausbrechen. Armut ist kein Verbündeter und Armut verbündet auch nicht. Armut macht aus Ungustln keine Sympathieträger. Armut macht Kranke nicht gesund.

Schaut man sich an, was am Villacher Westbahnhof getan und geleistet wird und schaut man sich an, warum es getan wird, könnten einem die Tränen in die Augen steigen. Hoffnung wächst nicht wo Hunger und Kälte sind. „Die stellvertretende Landeshauptfrau von Kärnten hat uns gesagt, dass sich das soziale Gleichgewicht in Villach verändern würde, gäbe es die Westbahnhoffnung nicht“, sagt Marjan Kac. Eine liebenswerte Aussage aber ohne finanzielle Relevanz für das praktisch immer in der Nähe eines Abgrunds lagernde Projekt. Wäre die Westbahnhoffnung nicht da: „Wo die Menschen dann hingehen würden, das weiß ich nicht“, sagt Marjan. „Aber es wäre wahrscheinlich nicht zu ihrem Vorteil.“